Studioforum

Woche 03-06 / 14.1.08 - 10.02.08

Portrait Pei-Yu Shi mit den Kompositionen:

01. Außerdem… / 2001 / 13:2
02. CHI - Ruhende Kraft Bewegung / 2001 / 13:05
03. Studie  / 2001 / 08:11
04. Ich bin another yourself  / 2004/5 / 11:56
05. Schein und Sein I  / 2002 / 04:56
06. Burning Thoughts  / 2005 / 09:50
07. Fall aus der Zeit… / 2006 / 10:00
08. Gedicht vom Wind des Herbstes / 2007 / 10:24
09. Studie / 2001 / 08:11
10. Schein und Sein I / 2002 / 04:56
11. Fall aus der Zeit… / 2006 / 10:00
12. Gedicht vom Wind des Herbstes / 2007 / 10:24

           
Pei-Yu Shi wurde in Taipei (Taiwan) geboren. Sie studierte zunächst chinesischen Instrumente (Bachelor degree 1995), dann Komposition (Master degree 1998) in Taipei. Von 1999-2004 setzte sie ihre Studien bei Wolfgang Rihm, Sandeep Bhagwati und Thomas A. Troge in Karlsruhe (Deutschland) fort. Sie komponiert sowohl für westliche auch für chinesische Instrumente,  für instrumentale als auch für technisch geprägte oder produzierte Klänge (vom Computerflügel bis zur Elektroakustischen Musik). In vielen Kompositionen greift sie Anregungen aus chinesischer Poesie und/oder Malerei auf - in einer Musik behutsam sich auf- und abbauender, gleichsam ein- und ausatmender Klangprozesse mit vielfältigen Beschleunigungen und Verlangsamungen, Klangbewegungen und Klangverfärbungen, Verdichtungen und Reduktionen, Spreizungen und Stauchungen im Tonraum, Einbettungen von Klängen in Stille. Ihre Werke wurden auf zahlreichen internationalen Festivals aufgeführt und gewannen mehrere Preise und Stipendien. Sie war von 2004 bis Anfang 2007 als Gastkünstlerin in ZKM, Karlsruhe. Vor kurzem hat sie gewann sie den internationalen Wettbewerb für  elektroakustische Musik, Música Viva (Portugal) sowie in Berlin den Rheinsberger-Kompositionspreis.

Außerdem... (2001) - für 8 Lautsprecher
„Außerdem...“ beruht ausschließlich auf dem Klangmaterial meines Duetts „Besides...” für chinesische Pipa und Klavier. Die Aufnahme wurde vielfältig elektronisch verändert und umgeformt und mit dem umgeformten Klangmaterial das neue Werk geschaffen, das aber ab und zu die Herkunft seines Klangmaterials durchaus hörbar anklingen lässt. Die Inspiration zu diesem Stück erhielt ich von der dichterischen Schönheit und der graphischen Darstellung eines Gedichts von Wang-Wei aus der Tang-Dynastie.

Ein Morgen-Regen hat sich herabgesenkt
auf den Nebel in Wei-ch’eng:
Die Weiden grünen wieder im Vorhof der Schenke.
Warte, bis wir noch eine Tasse leeren-
Westlich des Yang-Tores findet niemand einen alten Freund.

CHI – ruhende Kraft, Bewegung (2001) - für 8 Lautsprecher
Das Klangmaterial des Stückes stammt aus Aufnahmen von Obertongesängen und der Xiao, einem chinesischen Blaßinstrument. In dem Stück versuche ich, die Kraft/Energie CHI (auch ein Grundprinzip in der Chinesischen Tuschemalerei) in einem langen großen Bogen von Anfang bis zum Ende sich langsam entfalten zu lassen, um eine besondere Art von musikalischer Schönheit und innerer Spannung zu schaffen.

Studie (2001) - für Bösendorfer-Computerflügel
Das Stück „Studien” habe ich in Jahr 2001 für Bösendorfer Computerflügel geschrieben, es besteht aus vier Sätzen.

Ich bin another yourself (2004/5) - für Pipa, Licht und Zuspielband
Eines Tages nahm Buddha eine Blume in die Hand. Niemand verstand, was er damit sagen wollte. Nur Jia-Yie verstand und laächelte. Dieser Moment wird als die Geburts-Sekunde des Zen-Buddhismus bezeichnet.
Ich war sehr beeindruckt, als ich diese Geschichte wieder gelesen habe, und überlegte, ob es möglich wäre, durch die Musik den Sinn der Geschichte ausdrücken zu können. Aber wie findet man die Beziehungen dazwischen, zwischen Geschichte und Musik? Zwischen zwei Menschen, zwei Punkten/Tönen/Klängen/Flächen? Entsprechungen oder Gegensatzpaaren? Wie reagieren, kommunizieren sie miteinander? Verbindung, Entfaltung Verschmelzung, andere Prozesse? Jeder Punkt als eine Einheit oder das ganze Stück als ein Punkt? Ruhepunkt? Höhepunkt? Sollte es? Wie? Auf welche Art? Sollte zwischen jeder Ton ein Ruhepunkt sein, ein Höhepunkt, oder soll sich der Ton als andere Art von Höhepunkt weiter entfalten? Und wie? „Alle Regeln, die man daraus ersehen kann, sind wie Stern, Yi, Licht, Phantom, Tau, Blase, Traum, Blitz, Wolke, das solltet ihr verstehen......“
Der Text, den ich im Stück verwendet habe, ist ein Abschnitt von „Jin-Gang Jing“ (Jin-Gang Jing ist ein buddhistische Sutra). Das Stück ist der Atmosphäre des Lächelns zwischen Buddha und Jia-Yie gewidmet.

Schein und Sein I (2002) - für Bösendorfer-Computerflügel und einen Pianisten
In etlichen Werken für Computerflügel und Musiker ersetzt der Flügel im Grunde nur einen weiteren Musiker (vielleicht auch nur einen Pianisten der Zukunft  - der noch ein bißchen schneller und virtuoser sei...).
Als ich mich an die Komposition dieses Werkes machte, war mir jedoch eines klar: ich wollte ein Werk schreiben, das ausschließlich mit dieser Besetzung zu realisieren sei. Kein anderer Pianist, sei dieser auch noch so gut, könnte die Rolle des Flügels „Schein und Sein“ übernehmen, denn seine pure körperliche Anwesenheit würde es dem ersten Pianisten unmöglich machen, seinen Part zu spielen: auf so symbiotische Weise bedienen die beiden Protagonisten meines Stückes die Klaviatur und den Korpus des Flügels, dass einer von ihnen zwingend quasi ein „körperloser“ Mitspieler, ja: ein „Geist“ sein muss.
Der Titel „Schein und Sein“ drückt diese Dualität aus - eine Dualität, die mir aus dem Buddhismus vertraut ist, die aber auch die ganze Struktur des Werkes durchzieht: Die vom Flügel erzeugten Klänge werden vom Pianisten auf vielfältige Weise verfremdet und verbunden, genauso wie umgekehrt der Flügel das Spiel des Pianisten klanglich erweitert und transformiert.

Burning Thoughts (2005) - für 4 Lautsprecher
Nachdem ich ein Tonbandstück für Video komponiert hatte, gefiel mir das Stück so gut, dass ich es schade fand, es nur in diesem Zustand aufführen zu lassen. Deshalb fing ich an, das Stück umzubauen. Ich habe den Prozess des Umbaus des Stückes sehr genossen, da er ein merkwürdiges Gefühl in mir auslöste. Man hat bereits ein Stück und baut noch ein neues Stück darauf, obwohl bis zum Ende die alte Struktur zerlegt wurde, wechselt die klangliche Vorstellung zwischen beiden Stücken und die visuelle Vorstellung des Videos wirkt noch dazu.
Es ist eine Reise zwischen drei Welten. Sie spielt mit der Wahrnehmbarkeit der visuellen Darstellung und der Struktur der klanglichen Vorstellungen, die wechselt, sich beeinflusst und sich dann ineinander legt.

Fall, aus der Zeit… (2006)- für Zuspielband
Eine Freundin von mir wollte ein Tanzprojekt über Ingeborg Bachmann realisieren und schickte mir von ihr Gedichte und Texte zur Vertonung. Mein Ziel war, mich in die Innenwelt der Dichterin zu vertiefen. Ich fragte mich nach ihren Stimmungen, als sie die Gedichte geschrieben hatte. Dann begann ich, die Atmosphäre zu komponieren, die ich beim Lesen des Gedichtes „Fall ab, Herz" empfunden habe.

Fall ab, Herz vom Baum der Zeit,
fallt, ihr Blätter, aus den erkalteten Ästen,
die einst die Sonne umarmt',
fallt, wie Tränen fallen aus dem geweiteten Aug!
Fliegt noch die Locke taglang im Wind
um des Landgotts gebräunte Stirn,
unter dem Hemd preßt die Faust
schon die klaffende Wunde.
Drum sei hart, wenn der zarte Rücken der Wolken
sich dir einmal noch beugt,
nimm es für nichts, wenn der Hymettos die Waben
noch einmal dir füllt.

Denn wenig gilt dem Landmann ein Halm in der Dürre,
wenig ein Sommer vor unserem großen Geschlecht.

Und was bezeugt schon dein Herz?
Zwischen gestern und morgen schwingt es,
lautlos und fremd,
und was es schlägt,

ist schon sein Fall aus der Zeit.           

Gedicht vom Wind des Herbstes (2007) - für Saxophon, Klavier, Schlagzeug und 6 Lautsprecher
Ausgangspunkt meiner Komposition ist ein Gedicht des Kaisers Wu (Hang Wu Di) aus der Hang-Dynastie, das ich in Wort und Sinn verändert und umgeschrieben habe. Das in diesem Gedicht so poetisch formulierte Bild, seine Klanglichkeit und seinen Rhythmus möchte ich in meiner Musik einfangen. Auch das Wesen der Qin Musik, die Zartheit und Subtilität des Klanges der Qin (chinesische Griffbrettzither) und das Besondere des Qin Gesanges fließen in meine Komposition ein.

Winde des Herbstes,
Wolken in Weiß,
Fangen an, zu fließen.

Gras, Bäume,
Fallen ins Gelb.
In Richtung Süden,
Die Wildgänse kehren zurück

Cymbidium goeringii,
Chrysantheme,
Wie schimmernde Berge und klares Wasser,
Nicht zu vergessen.

Gebäude des Schiffes, mitten auf dem Wasser.
Wellen, wirbeln.

Trommeln, Blasen, Singen dazu auf den Takt des Schlages.
Äußerste Grenze,
Freude mit Trauer.

Nicht zu erinnern,
Wie lange diese Schönheit noch hält




Elektronische Studios aus ganz Deutschland und dem Ausland werden hier portraitiert und stellen ihre aktuellen Projekte, Forschungsvorhaben und Entwicklungsarbeiten vor. Das Studio-Forum dient langfristig dem Austausch zwischen den Studios als Produktionsstätten vielfältiger elektroakustischer Musik und Klangkunst.